Stadtrundgang: Schöneberg - Hochburg sozialdemokratischer Geschichte

Veröffentlicht am 29.08.2013 in Geschichte

Berlin war um 1900 die Hauptstadt der deutschen Sozialdemokratie und Zentrum der europäischen Arbeiterbewegung. Ihre führenden Köpfe August Bebel, Rosa Luxemburg, Eduard Bernstein und Karl Kautsky wohnten und arbeiteten bevorzugt in Schöneberg, in der seit 1898 selbstständigen und selbstbewussten Stadt vor den Toren von Berlin - oder im unmittelbar angrenzenden Friedenau.

Schöneberg war ein Nest der politischen Denker und Akteure der Sozialdemokratie. Gleich zwei Abteilungen des Kreises Tempelhof-Schöneberg nahmen das zum Anlass, auf öffentlichen Stadtspaziergängen zu den Orten zu wandern, die heute noch den Geist der prominenten und unvergessenen sozialdemokratischen Persönlichkeiten atmen.

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Beide Rundgänge wurden durch die Möglichkeit, Wohnorte und Wirkungsstätten von August Bebel, Eduard Bernstein, Rosa Luxemburg, Luise und Karl Kautsky hautnah zu erleben, zur beeindruckenden Lektion in Sachen '150 Jahre Parteijubiläum der SPD'.

Mit der Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler und unserer Bundestagskandidatin Mechthild Rawert verneigten sich am 09.08.2013 viele Besucher vor dem Wohnhaus Eduard Bernsteins in der Bozener Strasse 18 vor seiner enormen Lebensleistung als aufrechter Theoretiker und Verfechter der sozialdemokratischen Idee. Die Gedenktafel vor dem Haus weist auf die Jahre 1918 bis 1932 hin, in denen er hier wohnte und in dieser Zeit auch Stadtverordneter und Stadtrat in Schöneberg war. 1981 wurde die Gedenktafel für Eduard Bernstein von dem damaligen Regierenden Bürgermeister von West-Berlin Hans-Joachim Vogel eingeweiht.

Die kulturpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion Gudrun Blankenburg nahm die Gruppe anschließend mit zum Gedenkstein für  Rudolf Breitscheid in der Haberlandstraße 8, der als führender sozialdemokratischer  Reichstagsabgeordneter 1933 aus Deutschland flüchten musste und aus dem Exil heraus den braunen Terror in seinem Heimatland anklagte. Im Konzentrationslager Buchenwald wurde er 1944 Opfer eines alliierten Bombenangriffs. Den Nachbar Breitscheids, Albert Einstein in der Haberlandstrasse, der durch eine Gedenkstele vor Ort geehrt wird, verband wiederum eine feste Freundschaft mit Breitscheid und Bernstein, die getragen war durch die entschiedene gemeinsame Ablehnung des Krieges. Die SPD-Abteilung City und ihre Vorsitzende Angelika Schöttler sind besonders stolz darauf, dass das Erbe der sozialdemokratischen Geschichte sich in ihrem Abteilungsgebiet so lebendig präsentiert.

Der SPD-Abteilung Friedenau war zum Parteijubiläum ein besonderes Anliegen, durch einen großen Stadtspaziergang mit vielen Gästen und der Bundestagskandidatin Mechthild Rawert am 15.08.2013 die Geschichte der Sozialdemokratie an den Wohnorten und Wirkungsstätten von August Bebel, Eduard Bernstein, Rosa Luxemburg und Luise und Karl Kautsky in ihrem Abteilungsbereich erlebbar zu machen. Die SPD-Abteilung Friedenau ist sich ihrer Besonderheit bewusst, dass diese historischen Gestalter der sozialdemokratischen Geschichte alle eng benachbart in Friedenau wohnten oder begraben sind.

Über dem Hauseingang Hauptstraße 97, letzter Wohnort von August Bebel, hängt eine Gedenktafel für ihn, die vor der Veranstaltung von zwei jungen Genossen aus der Friedenauer Abteilung mittels hoher Leiter geputzt worden war. Bebel hatte mehrere Wohnungen in Schöneberg: Großgörschenstraße 22a, Hauptstraße 94 und Hauptstraße 97, immer in der Nähe seiner Weggenossen und Kampfgefährten.

Ein Nachbar in dem historisch weitgehend erhaltenen Haus Hauptstraße 97 öffnete der Gruppe spontan die Haustür, so dass die Gruppe im Gartenhof des Hauses, ungestört vom tosenden Straßenlärm den Worten von Serge Embacher, Vorsitzender der Abteilung Friedenau folgen konnte, die in der Bebelschen Maxime mündeten: 'Zusammenhalten und nicht aufgeben! Die Stärke der Schwachen muss gebündelt werden durch Solidarität'.

Der älteste Friedhof Schönebergs an der Eisackstraße war das nächste Ziel. Seit 2006 aufgegeben, bildet sich die Ruhestätte langsam zu einer Parkfläche heraus, allerdings umtost vom Lärm der Stadtautobahn. Hier hat Eduard Bernstein 1932 seine letzte Ruhestätte gefunden. Die Ehrengrabwürde ist 2011 aufgehoben worden und wird nach Zusage der Senatskanzlei hoffentlich noch in diesem Jahr wieder vergeben werden. Das Grab selber  leuchtet frisch und gepflegt mit dem  besonders ästhetisch gestalteten Grabstein, der unter maßgeblicher Beteiligung der Historischen Kommission der SPD Berlin 2007 geschaffen und aufgestellt wurde. Fünf Bernstein-Patinnen aus der Abteilung Friedenau sorgen ständig für die würdige Pflege des Grabes. Gudrun Blankenburg verlas am Grab Bernsteins Auszüge aus dem Nachruf der Vossischen Zeitungen vom 19.12.1932. Darin hieß es: '… Er war eine der hervorragendsten Persönlichkeiten aus jenen Jahren der sozialdemokratischen Partei, die man in gewissen Sinne das Heldenzeitalter der Partei nennen kann.'

Der Stadtspaziergang verlief weiter durch die Ceciliengärten, die heute noch gültige reformerische Schöpfung des Schöneberger Stadtbaurats Heinrich Lassen und machte Station an der Wohnung des Malers Hans Baluschek, seit 1920 Mitglied der SPD und Vorsitzender der Schöneberger Kunstdeputation, in der er darum kämpfte, mittellosen Künstlern mehr Einfluss zu verschaffen. Die Stadt Schöneberg ehrte 1929 den Schöpfer zahlreicher Bilder, in denen er das schwere Schicksal der proletarischen Bevölkerung anklagte, mit einer mietfreien Atelierwohnung, aus der er 1933 von den Nazis vertrieben wurde.

Mit Ottokar Luban, Historiker und Vorsitzender der Internationalen Rosa-Luxemburg-Gesellschaft, hatte die Rundganggruppe einen kompetenten Referenten für das Leben von Rosa Luxemburg in Friedenau. Vor dem Haus Cranachstraße 58 ging er auf das private und politische Leben der Vorkämpferin der Arbeiterbewegung, besonders an ihrer Friedenauer Adresse ein. Die interessierte Gruppe hatte auch die Möglichkeit, den Hof des historisch erhaltenen Hauses zu betreten. Das war Geschichte zum Anfassen!

Nach der langen Wanderung durch Friedenau waren die schon müden, aber immer noch wissbegierigen Rundgangteilnehmer zu einem Abschlussgespräch im Luise & Karl Kautsky-Haus in der Saarstraße 14 eingeladen. Dilek Kolat, Kreisvorsitzende der SPD Tempelhof-Schöneberg und Senatorin für Arbeit, Frauen und Integration hatte es sich nicht nehmen lassen, dabei zu sein und den Worten des Historikers und Publizisten Günter Regneri zu folgen, der sehr lebendig über die Familie Kautsky und insbesondere über das schwere Schicksal von Luise Kautsky sprach. Von Günter Regneri stammt auch die erste Biografie über Luise Kautsky, die 2013 im Verlag Hentrich & Hentrich innerhalb der Reihe 'Jüdische Miniaturen'  erschienen ist.

Dieser Friedenauer Stadtspaziergang zur Geschichte der Sozialdemokratie war eindrücklich wie ein Geschichtsbuch.

Helga Grebing, Genossin aus der Abteilung City und Siegfried Heimann, Genosse aus der Abteilung Friedenau haben zum Jubiläumsjahr im Ch. Links Verlag das Grundlagenwerk 'Arbeiterbewegung in Berlin. Der historische Reiseführer' herausgebracht. Wer noch mehr wissen möchte über die Orte der Arbeiterbewegung in Berlin, kann mit dem Buch in der Hand alle Berliner  geschichtsträchtigen Orte der Sozialdemokratie selber erkunden.

 

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