Gedächtnisort Stierstraße - Nur Sachbeschädigung?

Veröffentlicht am 02.12.2011 in Gegen Rechtsextremismus

Am Mittwochmittag des 23. Novembers musste ein Mitglied der Initiativgruppe Stolpersteine Stierstraße entdecken, dass die Info-Tafel vor der Philippuskirche vorsätzlich zerstört worden ist. Für die Polizei handelt sich nur um eine Sachbeschädigung ohne politischen Hintergrund. Das ist abwegig. Es spricht alles für eine Tat, die aus rechtsextremistischer Gesinnung erfolgte.

Die Tafel informierte mit Dokumenten und Fotos über die deportierten und ermordeten Juden, die in der Stierstraße wohnten sowie über die Arbeit der Initiativgruppe. Die Initiative Stolpersteine Stierstraße forscht seit Jahren zum Leben jüdischer Menschen, die einst in der Stierstraße lebten und macht so sichtbar, was sonst in Vergessenheit geriete.

Am 21. Oktober waren mit großer Anteilnahme von Nachbarn und Freunden 12 weitere Stolpersteine in der Stierstraße der Öffentlichkeit übergeben worden. Auch Großnichten und Enkel der ermordeten Menschen, derer gedacht wurde, waren aus Israel angereist und wohnten der Zeremonie bei. Insgesamt erinnern nun 54 in den Boden gelassene Mosaiksteine aus Messing, genannt Stolpersteine, an die vielen ermordeten Jüdinnen und Juden, die ein zu Hause in der Friedenauer Stierstraße hatten. Die Informationstafel machte auf die Steine aufmerksam und erregte bei den Passanten Interesse und Aufmerksamkeit.

Die herbeigerufenen Polizeibeamten nahmen vor Ort die Anzeige auf und deklarierten die Zerstörung als Sachbeschädigung. Darum handelt es sich in jedem Fall, wahrscheinlich liegt sogar um eine gemeinschädliche Sachbeschädigung im Sinne des § 304 StGB vor. Für die Initiative, aber auch für die Friedenauer SPD, die Bundestagsabgeordnete Mechthild Rawert und die Bezirksverordnete Marijke Höppner ist die vorsätzliche Zerstörung kein Zufall oder ein "Dumme-Jungen-Streich". Es ist vielmehr offensichtlich ein politisches Statement. Während die in der Nähe stehenden Hinweiskästen der Philippusgemeinde und der Senioren-Freizeitstätte unbeschädigt blieben, war es gerade die Tafel, die an die jüdischen Bewohner der Straße erinnert, die der Zerstörung zum Opfer fiel. Es spricht alles dafür, dass hier um eine Tat vorliegt, die auf rechtsextremistischer bzw. antisemitischer Gesinnung beruht. Unverständlich deshalb, dass sie die Sicherheitsbehörden nicht als solche behandeln wollten.

Die Stolpersteine der Stierstraße waren schon in der Vergangenheit Objekt von Beschädigung. Auch in der Schöneberger Gleditschstraße kam es zu mehrfacher Sachbeschädigung an den verlegten Stolpersteinen. Ohne die Arbeit der Initiativen vor Ort würden wohl viele der Steine schnell wieder ihre Funktion einbüßen, an die Opfer von Unmenschlichkeit und Rassismus zu erinnern. Die Steine ziehen - nicht verwunderlich - den Hass rechter Gesinnungstäter auf sich.

Gerade mit den jüngsten Erkenntnissen, wonach in Deutschland jahrelang Morde an Ausländern begangen wurden, ohne dass Polizei oder der Verfassungsschutz Zusammenhänge zwischen den Morden bzw. deren rechtsradikale Gesinnung erkannten, ist besondere Aufmerksamkeit erforderlich. Da wäre es angebracht, wenn die Sicherheitsbehörden Gewalt gegen Sachen nicht als unpolitische Bagatelle abtun würden. In der Stierstraße ist war nur eine Info-Tafel zerstört worden, die an die Opfer des Faschismus erinnert - aber es sollte klar sein, dass diese Tat über eine Sachbeschädigung hinausgeht, sondern politisch motiviert war. Rechtsextreme Gewalt gibt es auch in Friedenau.

Die SPD hat Mitgefühl mit den Hinterbliebenen der Opfer, die in den Stolpersteinen eine würdige Erinnerung an ihre verstorbenen Familienmitglieder sahen. Wir verstehen die Wut derer, die ehrenamtlich viel Engagement und Kraft investiert haben, an diese Menschen zu erinnern. Die Mitglieder der Initiative Stolpersteine sollten sich nicht entmutigen lassen. Zeigt doch gerade die Zerstörung, wie sehr die Stolpersteine ein Stachel im Fleisch menschenverachtender Ideologien sind.

-> Bericht des Tagesspiegel vom 25.11.2011

 

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